Die Ursachen des Ersten Weltkriegs 1914: vom Attentat über die Julikrise zum Kriegsausbruch
Die Ursachen des Ersten Weltkriegs liegen nicht im Juli 1914. Der Krieg begann am 28. Juli 1914 – aber er begann nicht an diesem Tag. Die Wege dorthin waren Jahrzehnte alt: ein Bündnissystem, das jeden Konflikt vergrößerte, ein Wettrüsten ohne Bremse und eine Diplomatie, die im Juli 1914 keine Ausfahrt mehr fand.

Kriegsausbruch 1914: Wann begann der Erste Weltkrieg?
Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. Innerhalb einer Woche standen sich sechs Großmächte gegenüber: Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg, am 3. August Frankreich, am 4. August marschierten deutsche Truppen in Belgien ein und Großbritannien trat ein. Beendet wurden die Kämpfe an der Westfront am 11. November 1918 mit dem Waffenstillstand von Compiègne; der Kriegszustand endete völkerrechtlich erst mit den Pariser Vorortverträgen ab 1919.
Wer nach dem Beginn des 1. Weltkriegs fragt, meint oft zwei verschiedene Daten. Das Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 war der Auslöser. Der Kriegsausbruch selbst liegt einen Monat später – und dazwischen liegt die Julikrise, in der die Entscheidung fiel.
Die Ursachen des Ersten Weltkriegs vor 1914: die langen Linien
Die Ursachen des Ersten Weltkriegs liegen nicht im Sommer 1914, sondern in vier Entwicklungen, die über Jahrzehnte aufeinander zuliefen.
Ein Bündnissystem, das jeden Streit vergrößerte
Seit 1882 bestand der Dreibund aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien. Ihm stand die Triple Entente gegenüber, die sich aus der französisch-russischen Allianz von 1894, der britisch-französischen Entente cordiale von 1904 und dem britisch-russischen Ausgleich von 1907 zusammensetzte. Die Bündnisse waren als Abschreckung gedacht. Sie wirkten im Ernstfall als Übertragungsriemen: Ein lokaler Konflikt auf dem Balkan konnte über die Beistandspflichten binnen Tagen den gesamten Kontinent erfassen.
Wettrüsten zu Wasser und zu Lande
Das deutsche Flottenbauprogramm ab 1898 forderte die britische Seeherrschaft heraus und band London enger an Paris. Zugleich vergrößerten alle Kontinentalmächte ihre Heere; Frankreich verlängerte 1913 die Wehrdienstzeit auf drei Jahre, Russland beschloss ein großes Heeresprogramm. In den Generalstäben entstanden Aufmarschpläne, die auf Geschwindigkeit setzten – und damit den politischen Entscheidungsspielraum verkürzten, sobald mobilgemacht wurde.
Nationalismus und Imperialismus
Die Konkurrenz um Kolonien führte in den Marokkokrisen 1905 und 1911 zweimal an den Rand eines Krieges. Auf dem Balkan traf der serbische Nationalismus auf die Vielvölkerordnung Österreich-Ungarns. Nach den Balkankriegen 1912/13 war Serbien vergrößert und selbstbewusst, die Donaumonarchie sah ihre Existenz bedroht.
Eine Gesellschaft, die den Krieg nicht mehr fürchtete
Der letzte große Krieg zwischen westeuropäischen Mächten lag 1914 mehr als vier Jahrzehnte zurück. In Presse, Schule und Vereinsleben war der Krieg zur Erzählung von Prüfung und Bewährung geworden. Dass ein moderner Industriekrieg Millionen Tote fordern würde, war militärisch absehbar und öffentlich kaum vorstellbar.
Das Attentat von Sarajewo und die Julikrise 1914 Tag für Tag
Zwischen dem Attentat und dem Kriegsausbruch liegen fünf Wochen, in denen jede Entscheidung die nächste erzwang.
- 28. Juni 1914 – In Sarajewo erschießt der bosnisch-serbische Attentäter Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie.
- 5./6. Juli – Berlin sichert Wien Rückendeckung für ein hartes Vorgehen gegen Serbien zu; die Zusage ging als „Blankoscheck" in die Geschichtsschreibung ein.
- 23. Juli – Österreich-Ungarn stellt ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum mit zehn Forderungen.
- 25. Juli – Serbien nimmt die Forderungen weitgehend an, lehnt aber die Beteiligung österreichischer Beamter an der Untersuchung im eigenen Land ab. Wien bricht die Beziehungen ab.
- 28. Juli – Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, Beschuss Belgrads.
- 30. Juli – Russland ordnet die allgemeine Mobilmachung an.
- 1. August – Deutsche Mobilmachung und Kriegserklärung an Russland.
- 3. August – Kriegserklärung an Frankreich; am Vortag hatte das neutrale Luxemburg besetzt werden müssen.
- 4. August – Einmarsch in Belgien; Großbritannien erklärt dem Deutschen Reich den Krieg.
Wer nach den Ursachen des Ersten Weltkriegs fragt, findet hier das eigentliche Problem: Ab dem 30. Juli entschieden nicht mehr Regierungen, sondern Fahrpläne. Die Mobilmachung war in allen beteiligten Staaten so konstruiert, dass ein Abbruch als Preisgabe der eigenen Sicherheit galt.
Der deutsche Aufmarschplan und die belgische Neutralität
Die deutsche Kriegsplanung ging seit den Denkschriften Alfred von Schlieffens davon aus, einen Zweifrontenkrieg nur gewinnen zu können, wenn Frankreich in wenigen Wochen niedergeworfen würde, bevor Russland aufmarschiert war. Der Weg dorthin führte durch das neutrale Belgien, dessen Unabhängigkeit die europäischen Mächte 1839 im Londoner Vertrag garantiert hatten – Großbritannien eingeschlossen.
Damit war der Einmarsch vom 4. August 1914 mehr als eine operative Entscheidung. Er machte aus einem kontinentalen Krieg einen Weltkrieg, weil er London eine Begründung und einen Anlass gab. Und er prägte die Kriegspropaganda beider Seiten für vier Jahre.
Die Frage nach der Verantwortung
Über die Ursachen des Ersten Weltkriegs ist länger und heftiger gestritten worden als über fast jede andere Frage der neueren Geschichte. Kaum eine ist so lange und so kontrovers diskutiert worden. Artikel 231 des Versailler Vertrags wies die Verantwortung dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten zu; in Deutschland wurde daraus der politische Kampfbegriff der „Kriegsschuldlüge". Die Kontroverse um Fritz Fischers Thesen der 1960er Jahre rückte die deutschen Kriegsziele wieder in den Mittelpunkt. Neuere Darstellungen – etwa von Christopher Clark oder Jörn Leonhard – betonen dagegen das Zusammenspiel mehrerer Regierungen, die alle das Risiko eines großen Krieges in Kauf nahmen.
Unstrittig ist der Befund unterhalb der Schuldfrage: Keine der beteiligten Regierungen hat im Juli 1914 alles getan, um den Krieg zu verhindern, und mehrere haben ihn bewusst in Kauf genommen.
Was aus dem Kriegsbeginn folgte
Der Bewegungskrieg, mit dem alle Seiten gerechnet hatten, war nach zehn Wochen vorbei. Nach der Marneschlacht Anfang September 1914 gruben sich die Armeen ein; die Westfront erstarrte auf einer Linie von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze und bewegte sich bis 1918 kaum. Aus dem kalkulierten kurzen Feldzug wurde ein Abnutzungskrieg, den keine der Vorkriegsplanungen vorgesehen hatte.
Wie dieser Krieg verlief, welche Schlachten ihn prägten und wie er endete, behandelt das Kapitel zum Kriegsverlauf. Was er für die Menschen zu Hause bedeutete, steht im Kapitel Heimatfront.
Häufige Fragen
Was war der Auslöser des 1. Weltkriegs?
Der unmittelbare Auslöser war das Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914, bei dem Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau erschoss. Der Auslöser ist aber nicht mit den Ursachen zu verwechseln: Bündnissystem, Wettrüsten, imperiale Konkurrenz und die Spannungen auf dem Balkan machten aus dem Attentat innerhalb von fünf Wochen einen Weltkrieg.
Wann war der Erste Weltkrieg genau?
Vom 28. Juli 1914, der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, bis zum 11. November 1918, dem Waffenstillstand von Compiègne. Das sind 1.568 Tage. Einzelne Fronten endeten früher: Russland schied im März 1918 mit dem Frieden von Brest-Litowsk aus, Bulgarien Ende September 1918, das Osmanische Reich Ende Oktober, Österreich-Ungarn am 3. November 1918.
Warum trat Großbritannien in den Krieg ein?
Formal wegen der Verletzung der belgischen Neutralität, die Großbritannien 1839 mitgarantiert hatte. Politisch stand dahinter das Interesse, keine einzelne Macht die Kontrolle über die Kanalküste und den Kontinent gewinnen zu lassen, sowie die seit 1904 gewachsene Bindung an Frankreich.
Hätte der Krieg verhindert werden können?
In der Forschung überwiegt heute die Auffassung, dass er kein Automatismus war. Mehrere Momente der Julikrise boten Auswege – die weitgehende Annahme des Ultimatums durch Serbien, britische Vermittlungsvorschläge, der Briefwechsel zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. Genutzt wurde keiner, weil die Beteiligten das Risiko eines großen Krieges für beherrschbar hielten.
Quellen
- Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck, München 2014.
- Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. DVA, München 2013.
- 1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Erster Weltkrieg.