Die Heimatfront im Ersten Weltkrieg: Hunger, Arbeit und Alltag 1914 bis 1918
Die Heimatfront im Ersten Weltkrieg war der Teil des Krieges, den die meisten Menschen erlebten. Er war der erste Krieg, in dem die Versorgungslage einer Zivilbevölkerung zur Waffe wurde. Wer verstehen will, warum das Kaiserreich 1918 zusammenbrach, muss nicht nur auf die Fronten sehen, sondern auf die Küchen, die Fabriken und die Warteschlangen.

Heimatfront im Ersten Weltkrieg: was der Begriff bedeutete
Die Heimatfront im Ersten Weltkrieg ist zunächst ein Begriff, kein Ort. Er beschreibt die Vorstellung, dass auch die Zivilbevölkerung im Krieg steht: als Produzentin von Munition, als Trägerin von Entbehrung, als Adressatin von Propaganda. Er entstand in den Kriegsjahren selbst und war zugleich Beschreibung und Aufforderung. Wer im Hinterland Hunger litt, sollte das als Beitrag verstehen, nicht als Zumutung.
Der Erste Weltkrieg war der erste Konflikt, in dem das galt. Praktisch bedeutete es: Ein Industriekrieg dieser Größenordnung ließ sich nur führen, wenn eine ganze Volkswirtschaft umgestellt wurde. Arbeitskraft, Rohstoffe, Verkehrswege und Nahrungsmittel wurden staatlich gelenkt – in einem Ausmaß, das vor 1914 undenkbar gewesen wäre.
Hunger an der Heimatfront: Blockade, Rationierung und der Steckrübenwinter
Die Blockade war die wirksamste Waffe gegen die Heimatfront. Die britische Seeblockade schnitt die Mittelmächte weitgehend von Überseeeinfuhren ab. Gleichzeitig fehlten in der Landwirtschaft Männer, Pferde und Kunstdünger, dessen Ausgangsstoffe in die Sprengstoffproduktion gingen. Bereits Anfang 1915 wurde Brot rationiert, danach folgten Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Milch, Seife und Kohle.
Der Winter 1916/17 ging als Steckrübenwinter in die Erinnerung ein: Eine verregnete Kartoffelernte war zu großen Teilen verfault, ersetzt wurde sie durch Kohlrüben, die bis dahin überwiegend als Viehfutter galten. Die amtliche Tagesration lag zeitweise deutlich unter dem Bedarf eines arbeitenden Erwachsenen. Wer konnte, tauschte auf dem Land oder kaufte auf dem Schwarzmarkt – wer das Geld dafür nicht hatte, hungerte. Diese Ungleichheit zerstörte die Vorstellung der Kriegsgemeinschaft nachhaltiger als jede feindliche Propaganda.
Arbeit von Frauen in Rüstung, Landwirtschaft und Verwaltung
Mit der Einberufung von Millionen Männern rückten Frauen in Tätigkeiten, die ihnen zuvor verschlossen waren: an Drehbänke und Pressen der Munitionsfabriken, an Straßenbahnen und Postschalter, in Büros und Behörden. In Deutschland und Großbritannien stieg die Zahl der Industriearbeiterinnen erheblich; in britischen Munitionsbetrieben arbeiteten zeitweise fast eine Million Frauen.
Die Arbeit war gefährlich. Der Umgang mit TNT färbte die Haut gelb und machte krank; Explosionen in Munitionswerken forderten hunderte Tote. Bezahlt wurde deutlich schlechter als bei Männern, und nach 1918 verloren viele Frauen ihre Stellen wieder an heimkehrende Soldaten. Dennoch veränderte die Erfahrung die Debatte über politische Rechte nachhaltig: In Deutschland, Österreich, Großbritannien und weiteren Staaten wurde das Frauenwahlrecht unmittelbar nach dem Krieg eingeführt.
Kriegsanleihen, Inflation und die Lasten danach
Das Deutsche Reich finanzierte den Krieg fast vollständig über Schulden. Neunmal wurden Kriegsanleihen aufgelegt, beworben mit Plakaten, Schulaktionen und Sammelwochen. Die Rechnung setzte einen Sieg voraus, aus dem Reparationen fließen würden. Als der ausblieb, blieben die Schulden – und mit ihnen eine Geldentwertung, die nach 1918 zur Hyperinflation von 1923 führte und die Ersparnisse ganzer Bevölkerungsschichten vernichtete.
Zensur, Propaganda und die Feldpost
Von Beginn an unterlagen Presse, Post und öffentliche Rede der militärischen Zensur. Verlustzahlen wurden gefiltert, Niederlagen umgedeutet, Nachrichten aus dem Ausland unterdrückt. Gegen diese Filterung stand ein Kommunikationssystem von erstaunlichem Umfang: Die deutsche Feldpost beförderte während des Krieges eine Zahl von Sendungen, die in die Milliarden geht – in beide Richtungen, täglich, bis in die vorderste Stellung.
Diese Briefe und Karten sind heute die wichtigste Quelle für das, was Menschen tatsächlich erlebten. Sie sind zugleich eine gefilterte Quelle: Geschrieben wurde im Bewusstsein der Zensur und mit Rücksicht auf die Empfänger zu Hause. Viele Schreiber verschwiegen das Schlimmste bewusst.
Kriegsgefangene und Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg
Zur Heimatfront im Ersten Weltkrieg gehörten auch Menschen, die nicht freiwillig dort waren. Mehrere Millionen Kriegsgefangene wurden in allen kriegführenden Staaten zur Arbeit herangezogen – in der Landwirtschaft, im Bergbau, beim Bau von Straßen und Bahnstrecken. Im Deutschen Reich arbeiteten Gefangene aus Russland, Frankreich, Belgien, Italien und Serbien in Lagern und Arbeitskommandos, oft unmittelbar neben deutschen Beschäftigten und doch unter grundlegend anderen Bedingungen.
Hinzu kam die Zwangsverpflichtung von Zivilisten aus besetzten Gebieten, insbesondere aus Belgien und aus dem besetzten Polen. Ernährung, Unterbringung und medizinische Versorgung schwankten stark zwischen den Lagern; die Sterblichkeit war in den Lagern im Osten deutlich höher als im Westen. Vielerorts erinnern heute Gräberfelder auf kommunalen Friedhöfen an diese Toten – sie sind der Grund, warum Kriegsgräber des Ersten Weltkriegs auch weit hinter den damaligen Fronten liegen.
Wer solchen Spuren am eigenen Ort nachgehen will, findet Einstiege in der Kriegsgräberliste und in der Anleitung zur Gräbersuche.
Kinder, Schule und der Alltag des Mangels
Der Alltag der Kinder änderte sich vollständig. Sie erlebten den Krieg als Abwesenheit des Vaters, als Sammelaktion in der Schule, als Hunger und als frühe Erwerbsarbeit. Der Unterricht wurde auf den Krieg ausgerichtet, Klassen sammelten Metall, Papier und Brennnesseln. Unterernährung hinterließ bei einem Teil der Kriegsjahrgänge dauerhafte gesundheitliche Folgen.
Wie dieser Teil der Geschichte im Unterricht behandelt werden kann, zeigt die Seite Kinder im Ersten Weltkrieg.
Häufige Fragen
Was war der Steckrübenwinter?
So heißt der Winter 1916/17 in Deutschland und Österreich. Nach einer weitgehend verdorbenen Kartoffelernte ersetzten Kohl- beziehungsweise Steckrüben die Kartoffel als Grundnahrungsmittel. Sie wurden zu Suppe, Brot, Marmelade und Kaffeeersatz verarbeitet. Der Winter gilt als Wendepunkt der Stimmung im Hinterland.
Wie viele Frauen arbeiteten in der Rüstungsindustrie?
Belastbare Gesamtzahlen sind schwierig, weil die Statistiken unterschiedlich abgrenzen. Für Großbritannien wird die Zahl der in der Munitionsproduktion beschäftigten Frauen zum Kriegsende auf annähernd eine Million geschätzt; in Deutschland stieg der Frauenanteil in der Metall- und Chemieindustrie stark an, ohne dass eine einheitliche Reichsstatistik vorliegt.
Was ist Feldpost und warum ist sie als Quelle so wichtig?
Feldpost ist der portofreie Postverkehr zwischen Front und Heimat. Sie ist die umfangreichste Selbstzeugnis-Überlieferung des Krieges und zeigt Alltag, Sorgen und Sprache der Beteiligten. Zugleich war sie zensiert und rücksichtsvoll geschrieben – sie muss als gefilterte Quelle gelesen werden.
Wie wirkte sich die Blockade auf die Sterblichkeit aus?
Die zivile Übersterblichkeit in Deutschland während der Kriegsjahre wird auf mehrere hunderttausend Menschen geschätzt, wobei Unterernährung und Krankheiten zusammenwirkten und sich der Effekt von der Grippepandemie 1918 nicht sauber trennen lässt. Die Größenordnungen sind in der Forschung umstritten.
Quellen
- Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck, München 2014.
- Gerhard Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Schöningh, Paderborn 2009.
- 1914-1918-online: Home Front (Germany), Women’s Mobilization for War.