Kinder im Ersten Weltkrieg: Alltag, Schule und Hunger zwischen 1914 und 1918
Für Millionen Kinder bedeutete der Krieg zuerst ein leerer Platz am Tisch, dann ein leerer Teller. Ihre Erfahrung ist gut belegt und wird in der Erinnerung an 1914 bis 1918 dennoch selten erzählt.

Die Abwesenheit des Vaters
Der Krieg begann für die meisten Kinder mit einer Abreise. Väter, ältere Brüder, Lehrer und Nachbarn wurden eingezogen; Millionen kehrten nicht oder nicht unversehrt zurück. In Deutschland wuchsen nach 1918 Hunderttausende Kinder als Kriegswaisen auf, weitere lebten mit einem Vater, der schwer verwundet, gasgeschädigt oder psychisch verändert heimkam.
Die Rollen im Haushalt verschoben sich sofort. Mütter übernahmen Erwerbsarbeit, ältere Kinder übernahmen jüngere Geschwister, die Landwirtschaft griff auf Kinderarbeit zurück. Für einen Teil der Jahrgänge bedeutete der Krieg das faktische Ende der Kindheit.
Krieg im Klassenzimmer
Die Schule wurde binnen Wochen zum Kriegsschauplatz eigener Art. Rechenaufgaben handelten von Geschossbahnen und Verpflegungssätzen, der Aufsatzunterricht von Heldentaten, der Erdkundeunterricht von Frontverläufen. Kinder schrieben Feldpostbriefe an unbekannte Soldaten und legten Kriegschroniken an.
Dazu kamen die Sammelaktionen. Klassen sammelten Altmetall, Papier, Knochen, Gummi, Laubheu und Brennnesseln, aus deren Fasern Textilien hergestellt wurden. Der Unterricht fiel häufig aus – weil Lehrer eingezogen waren, weil Schulgebäude als Lazarett dienten oder weil Kinder bei der Ernte gebraucht wurden.
Hunger und seine Folgen
Ab 1916 war Unterernährung in den Städten der Mittelmächte verbreitet. Kinder waren doppelt betroffen: Sie brauchen für Wachstum mehr Nährstoffe, und die Rationierung berücksichtigte das nur unzureichend. Schulspeisungen und städtische Kriegsküchen milderten die Not, konnten sie aber nicht beheben.
Die Folgen waren messbar. Schulärztliche Untersuchungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre zeigen bei betroffenen Jahrgängen niedrigere Körpergrößen und Gewichte sowie eine erhöhte Anfälligkeit für Tuberkulose und Rachitis. Internationale Hilfsaktionen versorgten nach 1918 mehrere Jahre lang Kinder in Mitteleuropa mit Mahlzeiten.
Kriegsspielzeug und Propaganda für Kinder
Der Krieg war Teil der Spielwarenproduktion. Bleisoldaten, Modellschützengräben, Kartenspiele mit Fronten und Bilderbücher mit Kriegsmotiven gehörten zum Angebot; Sammelbilder erzählten den Krieg als Abenteuerserie. Zeitgleich erschienen Kinderbücher, die Verzicht als Beitrag darstellten.
Diese Materialien sind heute eine besonders anschauliche Quelle. Sie zeigen, wie ein Krieg gesellschaftlich normalisiert wird – und sie sind für Schülerinnen und Schüler unmittelbar lesbar, weil das Medium vertraut ist.
Das Thema im Unterricht behandeln
Der kindliche Blick eignet sich besonders gut als Zugang, weil er die Distanz verkürzt, ohne die Sache zu verharmlosen. Drei Zugänge haben sich bewährt:
- Quellenarbeit mit Selbstzeugnissen. Schulaufsätze, Tagebücher und Briefe von Kindern der Kriegsjahre sind in Archiven und Editionen zugänglich und in ihrer Sprache direkt verständlich.
- Vergleich der Speisezettel. Ein Tagesration-Vergleich 1913 zu 1917 macht die Blockade konkreter als jede Zahl zur Kalorienzufuhr.
- Lokale Recherche. Schulchroniken der Kriegsjahre existieren in vielen Schularchiven und sind oft die einzige erhaltene Quelle über den Alltag am Ort.
Handreichungen und Arbeitsblätter dazu finden sich unter Downloads und Pädagogisches Material; weitere Projektideen im Bereich Projekte und Bildung.
Die Quellenlage zur Kindheit im Krieg ist eigentümlich: Über Kinder ist viel geschrieben worden, von Kindern selbst ist wenig überliefert. Schulaufsätze, Tagebücher und Zeichnungen sind erhalten, aber fast immer in Sammlungen, die Erwachsene angelegt haben, oft zu pädagogischen oder propagandistischen Zwecken. Wer mit diesen Beständen arbeitet, liest deshalb immer zwei Dinge zugleich: was Kinder erlebt haben und was Erwachsene sie aufschreiben ließen.
Besonders ergiebig sind Quellen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Briefe an den Vater im Feld enthalten Alltägliches, das in Schulaufsätzen fehlt: Hunger, Kälte, der Verkauf von Hausrat, die Arbeit, die an die Stelle des Unterrichts trat. Gerade diese beiläufigen Angaben machen die wirtschaftlichen Kennzahlen der Kriegsjahre für Schülerinnen und Schüler greifbar.
Häufige Fragen
Wie erlebten Kinder den Ersten Weltkrieg?
Zuerst als Abwesenheit: Väter, Brüder und Lehrer wurden eingezogen. Dann als Mangel: Ab 1916 war Unterernährung in den Städten der Mittelmächte verbreitet. Und dauerhaft als Mehrarbeit – in Haushalt, Landwirtschaft und Sammelaktionen. Für einen Teil der Jahrgänge bedeutete der Krieg das faktische Ende der Kindheit.
Mussten Kinder im Ersten Weltkrieg arbeiten?
Ja, in erheblichem Umfang. In der Landwirtschaft ersetzten Kinder eingezogene Arbeitskräfte, in Städten halfen sie in Werkstätten, bei Botengängen und bei Sammelaktionen. Schutzvorschriften wurden in den Kriegsjahren gelockert; der Schulbesuch fiel entsprechend häufig aus.
Wie viele Kriegswaisen gab es nach 1918?
Für das Deutsche Reich liegen die Schätzungen im Bereich mehrerer Hunderttausend Kinder, die einen Vater verloren hatten; eine einheitliche Reichsstatistik existiert nicht. Das Reichsversorgungsgesetz von 1920 schuf erstmals einen Rechtsanspruch auf Waisenrente, deren Wert in der Inflation rasch verfiel.
Welche Quellen eignen sich für den Unterricht?
Schulchroniken aus dem Schularchiv, Aufsatzhefte und Tagebücher, Feldpost zwischen Kindern und ihren Vätern, Sammelbilder und Kriegsbilderbücher sowie Speisezettel und Rationierungskarten. Digitalisierte Bestände bietet unter anderem Europeana 1914–1918.
Quellen
- Gerhard Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Schöningh, Paderborn 2009.
- 1914-1918-online: Children and Youth.
- Europeana 1914–1918: digitalisierte Selbstzeugnisse.