1914–1918
Menschen & Spuren

Gegen das Vergessen: Die Symbole der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

Eine Blume am Revers, eine Minute Stille, ein Name auf einer Platte: Erinnerungskulturen arbeiten mit kleinen Zeichen. Wer sie versteht, versteht auch, wie unterschiedlich Europa mit demselben Krieg umgeht.

Das Menentor in Ypern mit den Namen der Vermissten
Das Menentor in Ypern mit den Namen der VermisstenRedvers · Public domain · Wikimedia Commons

Die Mohnblume: Symbol des Commonwealth

Die rote Mohnblume ist das bekannteste Erinnerungszeichen des Ersten Weltkriegs. Sie geht auf das Gedicht „In Flanders Fields" des kanadischen Militärarztes John McCrae zurück, das er im Mai 1915 nach der zweiten Flandernschlacht schrieb. Klatschmohn wuchs auf den umgepflügten Böden Flanderns als Erster wieder – eine botanische Tatsache, die zum Bild wurde.

Seit 1921 wird die Papiermohnblume im Vereinigten Königreich, in Kanada, Australien und Neuseeland zum Remembrance Day am 11. November getragen; ihr Verkauf finanziert bis heute die Versorgung von Veteranen. In Frankreich erfüllt die Kornblume, der Bleuet de France, eine vergleichbare Funktion.

Die blaue Kornblume und ihre Doppeldeutigkeit

Die Kornblume hat in Europa mehrere, teils gegenläufige Bedeutungen. In Frankreich steht der Bleuet seit 1916 für die jungen Rekruten in ihren blauen Uniformen und wird bis heute als Zeichen der Erinnerung und der Veteranenhilfe getragen.

Im deutschsprachigen Raum ist die Zuordnung schwieriger. Die blaue Kornblume war im 19. Jahrhundert ein preußisches Symbol und wurde später von deutschnationalen und rechtsextremen Gruppierungen als Erkennungszeichen benutzt, insbesondere in Österreich. Wer sie in einem Gedenkzusammenhang verwendet, sollte diese Vorgeschichte kennen und benennen – sonst entsteht ein Missverständnis, das die eigene Absicht ins Gegenteil verkehrt.

Das Vergissmeinnicht: Bedeutung und Verwendung

Das Vergissmeinnicht trägt seine Botschaft im Namen. In der Blumensprache des 19. Jahrhunderts stand es für Treue und beständiges Andenken; auf Grabsteinen, Sterbebildchen und Feldpostkarten des Ersten Weltkriegs taucht es entsprechend häufig auf.

Anders als Mohn und Kornblume ist es nie zu einem offiziellen nationalen Symbol geworden und blieb dadurch weitgehend frei von politischer Vereinnahmung. In der Gedenkarbeit mit Schulklassen wird es deshalb häufig gewählt: Die Bedeutung erschließt sich ohne Erklärung, und es gehört keiner Seite.

Verschiedene Erinnerungskulturen in Europa

Derselbe Krieg wird in Europa sehr unterschiedlich erinnert.

  • Frankreich begeht den 11. November als Nationalfeiertag; nahezu jede Gemeinde hat ein monument aux morts mit den Namen der Gefallenen.
  • Großbritannien pflegt mit dem Remembrance Day, der Mohnblume und der Zwei-Minuten-Stille ein hochgradig ritualisiertes Gedenken.
  • Belgien lässt seit 1928 jeden Abend am Menentor in Ypern das Last Post blasen – mit Unterbrechung nur während der deutschen Besatzung.
  • Italien erinnert am 4. November an das Kriegsende an der eigenen Front.
  • Deutschland hat keinen Tag des Sieges und keinen Nationalfeiertag aus diesem Krieg. Der Volkstrauertag ist ein Trauertag, und der Zweite Weltkrieg überlagert die Erinnerung an den Ersten.

Diese Unterschiede sind kein Zufall. Sie folgen dem Ausgang des Krieges und dem, was danach kam.

Erinnern, wenn niemand mehr erzählen kann

Seit dem Tod der letzten Veteranen um 2010 gibt es keine Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs mehr. Erinnerung stützt sich seither vollständig auf Überlieferung: auf Archive, Objekte, Orte und auf die Entscheidung, sich mit ihnen zu befassen.

Das verändert die Aufgabe. Wo früher erzählt wurde, muss heute recherchiert werden. Umso wichtiger sind die materiellen Spuren – die Namen auf den Denkmälern, die Grabfelder auf kommunalen Friedhöfen, die Briefe in den Schubladen. Wege dorthin beschreiben Menschen und Spuren und die Anleitung zur Gräbersuche.

Häufige Fragen

Was bedeutet die blaue Kornblume?

In Frankreich ist der Bleuet de France seit 1916 das Zeichen der Erinnerung an die Gefallenen und der Veteranenhilfe. Im deutschsprachigen Raum ist die Bedeutung uneindeutig: Die Kornblume war ein preußisches Symbol und wurde später von deutschnationalen und rechtsextremen Gruppen als Erkennungszeichen verwendet. In einem Gedenkzusammenhang sollte diese Vorgeschichte mitgenannt werden.

Was bedeutet das Vergissmeinnicht?

Es steht in der Blumensprache des 19. Jahrhunderts für Treue und beständiges Andenken und findet sich auf Grabsteinen, Sterbebildchen und Feldpostkarten des Ersten Weltkriegs. Es ist nie zu einem nationalen Symbol geworden und deshalb frei von politischer Vereinnahmung.

Warum trägt man in Großbritannien eine Mohnblume?

Sie geht auf das Gedicht „In Flanders Fields“ von John McCrae aus dem Jahr 1915 zurück; Klatschmohn wuchs auf den umgepflügten Böden Flanderns als Erster wieder. Seit 1921 wird die Papiermohnblume zum Remembrance Day am 11. November getragen, ihr Verkauf finanziert die Veteranenhilfe.

Warum gibt es in Deutschland keinen Feiertag zum Kriegsende 1918?

Weil der Krieg mit einer Niederlage endete und die Republik, die auf ihn folgte, von großen Teilen der Gesellschaft nicht getragen wurde. Der 11. November wurde nie zum Feiertag; stattdessen entstand mit dem Volkstrauertag ein Trauertag. Nach 1945 überlagerte zudem die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg die an den Ersten.

Quellen